Halbzeit in Melbourne: Ein erstes Fazit

Nachdem ich im November ein paar Wochen in San Diego bei Freunden war, beschloss ich dem Winter im Februar erneut zu entfliehen.

Ein kurzer Trip auf die Azoren war der beste Kick-off für das neue Jahr, aber warm war es dort trotzdem nicht wirklich. Da meldete sich ein lang ersehnter Wunsch bei mir zurück. Nach dem Abitur wollte ich unbedingt nach Australien. Doch dann begann ich meine Ausbildung und die Reise wurde auch nur ein weiterer Punkt auf meiner Bucket List.

Doch dann erinnerte ich mich daran, dass es ja in Australien eine riesige Kaffeekultur gibt und dort obendrauf auch gerade Sommer ist.

Warum also nicht endlich den Punkt von der Liste streichen und den Winter dort verbringen?

Es gab nur ein ‚Problem’ – mit meiner Idee stand ich alleine da. Und einen Monat alleine wohin, ohne jemanden zu kennen? Will ich das?
Gut, so könnte ich direkt noch einen weiteren Punkt auf meiner Liste abhaken – alleine verreisen.

Also bloß nicht zu lange darüber nachdenken und möglichst schnell vielen Menschen davon erzählen, um es am Ende auch wirklich durchzuziehen – so meine Taktik.Wenig später war der Flug und die Unterkunft gebucht. Jetzt gab es kein Zurück mehr (es sei denn, ich wollte eine Menge Geld verlieren). Ein Monat Melbourne. Ein Monat Kaffee trinken, Sonne tanken, Fotografieren und Inspiration für das noch recht frische Jahr sammeln.

Klingt doch nach einem großartigen Plan, oder?

Doch um mich herum häuften sich die Fragen, was ich denn dort alles so vorhätte und wohin ich überall reisen wolle. Mit meiner Antwort, dass ich eigentlich nur in Melbourne sein und möglichst viel Kaffee trinken möchte, erntete ich schon fast enttäuschte Blicke. Und umso öfter ich gefragt wurde, um so mehr spürte ich den Druck, doch irgendwas ‚Spannendes‘ dort machen zu MÜSSEN.

Nach zwei Wochen hier kann ich euch nun ganz stolz berichten, dass ich NICHTS gemacht habe. Und mir war keine Sekunde langweilig!

Bis auf einmal die Unterkunft (geplant) zu wechseln, habe ich nichts weiter gemacht, als durch die Stadt zu wandern und jeden Tag mindestens ein neues Café auszuchecken.

Ab und zu erwischte ich mich zwar, wie ich dann doch nach Trips über die Great Ocean Ride oder Kangaroo Sanctuary recherchierte, aber ich habe ja auch noch zwei Wochen Zeit dafür…

Jedenfalls dachte ich mir, so eine Halbzeit ist genau der richtige Moment für ein kleines Recap. Wie lebt es sich in Melbourne und wie es so ganz alleine zu verreisen?

Beginnen wir mit dem Part Solo Reisen.

Ich hatte tatsächlich weniger Angst davor als vermutet und empfinde es eigentlich als sehr entspannend. Man kann einfach machen, was und wann man will. Und seien wir mal ehrlich, irgendwie ist man ja immer alleine, warum also nicht auch im Urlaub bzw. beim Reisen.

Trotzdem habe ich mich an manchen Stellen schon auch selbst ein wenig gefeiert. Krass, dass du es bis hierhin geschafft hast oder Respekt, dass du das jetzt so easy gepackt hast (ohne einen Herzinfarkt zu bekommen), so oder so ähnlich hallte es ab und zu in meinem Kopf.

Dazu muss man wissen, dass ich vor vielen Jahren kein Wort herausbekommen habe, wenn ich in Berlin auf der Straße auf Englisch nach dem Weg gefragt wurde – ich also auf Englisch hätte antworten müssen, geschweige denn mir einen Kaffee auf Reisen bestellen konnte (bzw. wollte). Wirklich.
Kein.
Witz.
Und es ist noch gar nicht lange her, als ich in Mexiko meinen Rückflug verpasst habe und einen kompletten Nervenzusammenbruch hatte. Oder als ich mich letztes Jahr zu meinem Geburtstag verbucht hatte und diesen in einem Hostelzimmer mit Gemeinschaftsbad verbringen musste. Eventuell sind mir da mit Mitte 30 die Tränen gekommen und während ich das hier gerade schreibe, muss ich laut lachen. Denn Spoiler Alert, alles nur eine Frage der Einstellung und wenn es am Ende auch nur eine Geschichte ist, an die man sich für immer erinnert (oder so wie ich jetzt gerade darüber lachen muss). 

Während ich mir also immer mal wieder mental auf die Schulter klopfte, dachte ich im selben Moment an ein paar Kids aus dem Flieger. Eine kleine niederländische Gruppe (keine:r älter als 20), die sich gerade auf dem Weg nach Melbourne befanden, um hier für vier Jahre eine Ausbildung (oder so ähnlich) zu machen. Und daran, dass sie noch nie hier waren (die eine sogar Flugangst hatte) und sie sich innerhalb einer Woche eine Wohnung suchen müssten. Und ich dachte an viele andere, die ähnliches (oder krasseres) bereits vor Jahr(zehnt)en ‚durchgemacht‘ haben. Klassischer Fall von, das Glas ist halb voll oder eben halb leer-Denke. Und schon kam mir mein Trip und das stolz darauf sein fast ein wenig lächerlich vor. 
Doch dann hörte ich per Zufall einen Podcast mit Kurt Krömer und Tommi Schmitt. Und an einer Stelle sagt Tommi, er könne sich nie vorstellen alleine drei Wochen nach Australien zu reisen und dass er noch nie alleine in einem Restaurant essen war und die Vorstellung daran ihm Angst macht. Und dann musste ich irgendwie schmunzeln. Der Typ, der seit Jahren jede Woche einen der beliebtesten Podcasts aufnimmt und seine eigene Show im Fernsehen hat, hat Angst davor alleine Essen zu gehen? Und auch Kurt Krömer – der, laut besagtem Podcast, seit 12 Jahren trocken ist, sich aber (angeblich) früher komplett dicht auf die Bühne gestellt hätte – fände es komisch, sich alleine in ein Restaurant zu setzen.
Ja schau an. Gut, Kurt hat (laut Podcast) seine Freunde auch zuletzt vor 8 Monaten getroffen, denn er hätte aktuell keine Zeit dafür. Mmh, das finde ich wiederum komisch. Na ja, ich wusste auch weder, dass Kurt Krömer gerade so gefragt ist, noch, dass er vier Kinder hat. Aber nun gut, ich schweife ab und benutzte zu viele Schachtelsätze –  I know.
Was ich damit sagen will, es gibt natürlich immer Menschen, die krassere Dinge machen oder schon gemacht haben, dass sollte aber kein Grund sein, sich selbst weniger zu feiern. So, hätten wir das geklärt.

Und wie finde ich Melbourne jetzt?

Wer mir auf Instagram folgt, hat bestimmt schon eine Ahnung. Ich finde es natürlich G-R-O-S-S-A-R-T-I-G. Mein Lieblingsort San Diego bekommt aktuell große Konkurrenz, es fehlen nur leider die Lieblingsmenschen hier.
Melbourne ist irgendwie der perfekte Mix aus Berlin, New York und San Diego. Es ist so rough wie Berlin, so inspirierend  wie New York und so laid-back wie San Diego (außerdem auch eine Stadt am Meer, was ja schon mal an sich ganz geil ist). Hinzukommt, dass die Stadt super modern, unfassbar ruhig (es gibt zwar 5 Mio. Einwohner, aber auch sehr viel Platz) und sehr europäisch ist. Man muss sich also nicht arg umgewöhnen.
Nur mit der Sprache ist es doch anstrengender als gedacht, ich verstehe echt nur jedes zweite Wort. Aber auch das wurde mir vorab prophezeit und geht wohl nicht nur mir so.  

Und ansonsten, hier mal
10 Fun Facts über Melbourne (oder Australien im Allgemeinen?!):

  1. Man gibt eigentlich nie Trinkgeld. Dafür zahlt man am Wochenende 10-15% mehr, damit der Stuff für die Wochenendarbeit belohnt wird.
  2. Man zahlt grundsätzlich am Counter, was einem das Warten auf die Rechnung erspart.
  3. Cafés öffnen früh, schließen dafür auch sehr früh. Meist gegen 15 Uhr. Und oft bekommt man auch schon eine halbe Stunde vorher nichts mehr, weil sie bereits aufräumen.
  4. Burger King heißt hier Hungry Jacks.
  5. Es gibt unfassbar viele Restaurants und Cafés und schmeckt einfach überall sehr gut. Wirklich. Ich bin picky und habe hier in den zwei Wochen kein einziges Mal schlecht gegessen. Irgendwo meine ich auch gelesen zu haben, dass hier so ziemlich jede Mahlzeit auswärts genommen wird. Ist das vielleicht eine Erklärung?
  6. Jeder zweite Mann trägt hier einen Schnauzer und anscheinend sind Vokuhilas auch gerade sehr in. Und Frauen haben hier eine sehr gute Body-Positiv-Einstellung.
  7. Ich weiß, es ist ein wenig anmaßend und es tut mir auch wirklich sehr leid liebe Melbournians, aber einen coolen Street-Style sucht man hier vergeblich. Ich sehe entweder nur Menschen, die so aussehen, als kämen sie gerade vom Sport oder super casual angezogen sind. Alle anderen sind entweder Touristen oder Ausnahmen. Aber dafür ist der Style bei Architektur und Interieur bombe – wie geht das einher?
  8. Man kann hier in Bus und Bahn keine Tickets kaufen. Man braucht dazu eine myki Karte, die man auflädt oder muss ein (Zug)Ticket vorher kaufen. Und im Stadtzentrum gibt es eine Free Zone, in der alle Trams kostenlos genutzt werden können. Finde ich für Berlin auch interessant, wenn es schon kein 9-Euro Ticket gibt und die Stadt autofrei werden soll. Just sayin’.
  9. Australien ist ein Land mit einer sehr geringen Einwohner-Dichte. Deshalb sind generell relativ wenige Menschen unterwegs. Selbst im Stadtzentrum. Ergo sehr ruhig und entspannt alles. 
  10. Ach ja, das Stadtzentrum nennt man übrigens nicht Downtown. Hier heißt es CBD –  City Business District. Sehr lustig, wenn man zum Beispiel CBD Bakery oder CBD Kebab liest. Na ja, die Australier haben so einige Begriffe, die einfach anders sind. 

Für mich geht’s nächste Woche nach Sydney, damit ich wenigstens einen Vergleich habe und weil ich schon immer mal mit einem Nachtzug fahren wollte 😉 Bericht folgt (vielleicht). 

Wer noch ein paar mehr Eindrücke aus der Stadt haben möchte, klickt sich einfach mal durch meine Melbourne Highlights auf Instagram.

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