Wieviel seid ihr bereit für ein Möbelstück zu bezahlen? Sagen wir für einen Stuhl. Sind es eher 50-150 Euro oder seid ihr sogar bereit das 3- bis 5- fache dafür auszugeben?

Wie wichtig ist es euch dabei, dass es sich bei Möbeln um ein Designerstück handelt? Denn Design hat ja bekanntlich seinen Preis. Und wie sieht es dann aus, wenn ein Designer-Stuhl als Replikat für unter 150 Euro statt 500 Euro geshoppt werden kann? Ist das ok? Also quasi Designklassiker für jedermann. Diese und viele weitere Fragen habe ich mir diese Woche gestellt und konnte zu erst keine wirkliche Antwort finden. Eine perfektes Replikat von einem Wishbone Chair zum Beispiel für ganze 150 Euro. Darf man das?

Versteht mich nicht falsch, auch ich befinde mich hier in einer Zwickmühle. Denn auch bei mir Zuhause befindet sich ein Replikat – aber auch ein Original – beides aus zweiter Hand erworben. Warum? Weil es für mich damals keine Rolle gespielt hat, ob es sich um ein Original handelt und ich nicht bereit war, so viel Geld nur für einen Stuhl auszugeben. Gebraucht kaufe ich nach wie vor viel lieber als neu, aber als ich über die Kopie des Wishbone Chairs gestolpert bin, kam ich ins Grübeln. Und ja, unser Replikat wirkt etwas weniger hochwertig und knarrt auch das ein oder andere Mal, erfüllt aber trotzdem seit vielen Jahren seinen Zweck. Trotzdem störte es mich mit den Jahren, dass es kein Original ist. Vielleicht ist das ein wenig wie mit der Kunst, ein Original ist eben ein Original und eine Kopie nur eine Kopie.

Vielleicht aber auch, weil hinter einem Design-Entwurf oft eine Geschichte steckt, weil daran viele Jahre gearbeitet und das jeweilige Stück über die Jahre am Markt zu einem Design-Klassiker wurde. Das hat eben seinen Preis, finde ich.

Und ist es dann aber ok den Entwurf minimal abzuändern, um das Möbelstück für einen Bruchteil vom Originalpreis verkaufen zu können? Die Qualität dabei mal ganz ausgenommen.
Während in Deutschland und vielen Teilen Europas das Design bis 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers geschützt ist, sind es in anderen Ländern beispielsweise nur 25 Jahre. Und das machen sich Unternehmen natürlich zu nutze.

Aber spielt Design für einen Laien wirklich eine Rolle? Oder entscheidet er nach Aussehen, Qualität und Preis? Oft wissen die Käufer nicht einmal, dass es sich dabei um eine Kopie handelt. Wie auch? Und dass ein hoher Preis gleich Qualität bedeutet, stimmt auch nicht in jedem Fall.

Ein weiterer Punkt, der für mich mit reinspielt und ich schätze, damit bin ich nicht allein, ist das Thema Lebensdauer. Denn egal ob Designerstück oder Kopie, meinen Freund oder die Katze interessiert das wenig. Bedeutet, am Ende ist es ein Gebrauchsgegenstand und von dem einen wird dieser sorgsamer gebraucht und von dem anderen eben etwas weniger. Da kann es schon mal passieren, dass sich der Besuch auf den betagten Vintage Sessel fläzt oder den gerade frisch gelieferten Tisch zerkratzt. Und dabei kann ich ihnen wahrscheinlich nicht einmal einen Vorwurf machen, da ihnen der Wert einfach gar nicht bewusst ist. Sei es der wirkliche oder eben nur der sentimentale Wert dahinter.

Einige Fun Facts aus meinem Leben:

Zwei Tage nachdem die Louis Poulsen Lampe hängt, stößt sich mein Freund den Kopf dran, das Unterteil löst sich und die kleine Glasscherbe zerspringt in 1000 Teile, der Schirm landet zerkratzt und verbogen auf dem Fliesenboden (Wert: 500 Euro).

Unser Couch-Tisch aus den 60ern stand ein halbes Jahrhundert bei einem alten Ehepaar in der Wohnung und hatte so gut wie keine Gebrauchtspuren. Wenige Monate in unserem Haushalt und er hat bereit 3 Wasserringe und so einige Kratzer mehr (Wert: unbezahlbar).

Die Katze fühlt sich magisch von einer Designer-Vase samt Blumenstrauß angezogen, die sich oben auf dem Küchenregal befindet. Bei dem Versuch die Blumen anzuknabbern kommt die Vase zu Tode und Ceranfeld samt Wasserkocher werden Lebensgefährlich verletzt. Katze bleibt unversehrt, hatte aber ggf. einen leichten Schock.

Ein brandneues, handgearbeitet Brett wird geliefert und direkt vom Besuch als Zwiebelbrett deklariert und zerkratzt. Es sollte lediglich als Käsebrett genutzt werden.

Die Lieblingstasse von einem selbst ist auch oft die Lieblingstasse von allen Gästen.

Ach wisst ihr, ich könnte ewig so weitermachen …

Und da frage ich mich oft: Wie ist das wohl in anderen Haushalten? Womöglich noch mit Kindern. Wie macht ihr das?

Diese und viele weitere Vorfälle führen außerdem dazu, dass ich sehr wohl darüber nachdenke eben doch nur eine Kopie zu kaufen, weil ein Designerstück bei uns einfach viel zu schnell Schaden nimmt.

Was sagt der Durchschnitt?

Glaubt man verschiedenen Studien, liegen die aktuellen Pro-Kopf-Ausgaben für Möbel im Jahr durchschnittlich zwischen 400 und 600 Euro (Quelle: Statista, Faz). Weil mir das recht gering erschien, hatte ich euch gestern auf Instagram gefragt, ob ihr im Jahr mehr als 1.000 Euro ausgebt oder weniger. Von über 1.500 Teilnehmer*innen stimmten 79 %  für „unter 1.000 Euro“.
Die durchschnittlichen Pro-Kopf-Ausgaben entsprechen also entweder einem Designerstuhl oder einer ganzen Sitzgruppe an Replikaten. Nach ein paar weiteren Fragen an euch, lässt sich folgendes festhalten:  Die Allgemeinheit möchte möglichst wenig ausgeben bei einer langen Lebensdauer. Wäre es dann nicht sinnvoll, bei ausgesuchten Stücken in gutes Design und Qualität zu investieren? Denn wer günstig kauft, kauft ja bekanntlich zweimal. Vielleicht müssen wir uns an den Gedanken gewöhnen, dass auch Designerstücke Gebrauchsgegenstände sind und dass es nachhaltiger ist ein Designstück mit einigen Kratzern langfristig zu besitzen, als günstigere und damit ggf. “qualtitativ ärmere” Möbel in kurzen Abständen auszutauschen.
Eine Freundin brachte hierfür einen schönen Vergleich: Wenn wir ab und zu in ein gehobenes Restaurant gehen, werfen wir uns in Schale und schätzen das Essen und den Moment mehr wert als im Jogger an der Pommes-Bude. Und sollten wir diese Wertschätzung nicht auch unserer Einrichtung entgegen bringen? Und dabei rede ich nicht von Schonbezug oder Wachstischdecke, wie oft in den Generation vor uns, sondern von einem sensibilisierten und liebevollen Umgang mit den Gegenständen in unserem Zuhause.

Und wer sich jetzt auch, wie ich am Ende, für den Kauf eines Designklassiker entscheidet und trotzdem etwas Geld sparen möchte, dem bleibt immer noch die Möglichkeit das Möbelstück gebraucht zu kaufen. Gleiches gilt bei Veränderung (also Verkauf) und damit ein weiterer Pluspunkt für den Kauf von Designklassikers, sowie den liebevollen Umgang: Gut in Schuss, verliert dieser nämlich deutlich weniger an Wert als eine Kopie.

Weitere Facts aus meiner kleinen Umfrage:

Design ist 61 % von euch wichtig, trotzdem würden 77 % Replikate kaufen, da fast genauso viele (78%) der Meinung sind, dass sie auch qualitativ überzeugen können.
Und 70 % der Befragten finden dabei wiederum den Preis für Designer-Möbel nicht gerechtfertigt.

Die Hälfte von euch konnte am Bild nicht erkennen ob es sich um eine Fälschung oder Original des besagten Wishbone Chairs handelte.

Gut zwei Drittel von euch möchten ihre Möbel bis zu 10 Jahren (und mehr) behalten.

Wirklich überrascht war ich darüber, dass 72 % ihre Möbel offline kaufen ( eigentlich nicht überraschend, da verschiedene Studien dies bereits bestätigen, Quelle: PwC Studie). Ich habe tatsächlich fast alle neuen Möbelstücke online gekauft.

Und zwei zusätzliche Fakten, die ich bei der Recherche interessant fand. Laut einer Studie, geben die Deutschen am meisten für Einrichtung und Reisen aus. Außerdem repräsentiert Deutschland den umsatzstärksten Mark für Möbelproduzenten, dicht gefolgt von Italien. Und unter den ersten acht Plätzen befindet sich kein skandinavisches Land – wer hätte das gedacht?! (Quelle: PwC Studie)

Ihr seht, hier ist eigentlich noch genug Gesprächsbedarf für weitere Wohnkolumnen!

Ich bin gespannt auf euer Feedback und freu mich auf eure Kommentare. 

3 replies on “Designklassiker vs. Replikat

  1. Bin gerade auf Umwegen (Zeit online…Pfirsichtarterezept) auf deine tolle Seite gestoßen und finde sie super! Ich bin schon sehr lange auf der Suche nach einer guten Replik des Wishbone Chairs, den ich bezahlen kann. Kannst du mir vielleicht einen Tipp geben? Das wäre großartig!
    Schönen Sonntag und liebe Grüße, Lisa

  2. Was für ein toller, richtiger Post! Ich finde, ein Argument, Designermöbel zu kaufen (ob neu oder bereits gebraucht), ist der hohe mögliche Wiederverkaufswert. Wenn man sich doch mal davon trennt, erhält man viel vom Einkaufspreis zurück und hat insgesamt doch nicht viel Geld dafür ausgegeben. 😊

  3. Hallo, oh spannendes Thema. Wir sind bei Designerstücken für Echtes, gerne gebraucht. Aber kombinieren dazu reichlich Erbstücke, günstige Sachen aus Studentenzeiten … Nur Designstücke wären vielleicht auch zu clean. Wir waren im Frühjahr erstmals bei Vitra – das erste Kinderfreie WE wollte ja mit Niveau begangen werden… – und einen Eames Chair täte ich immer Original kaufen und am liebsten dort abholen. (wir sparen weiter). Aber: Das Kind wünscht sich einen Acapulco Chair (349€) fürs Kinderzimmer. Wir sind auch schon über 40€-Modelle gestolpert, über Varianten für 100€ und bei Ikarus gibt es einen Seilstuhl für €160.- Hm? Ich glaube es muss nicht das Original sein. Andererseits will sie ihr Kommunionsgeld in ein Stück fürs Leben investieren. Also doch? Echt schwierig. Hoffe, du greifst das Thema mal wieder auf. Grüße von Heidy

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